Vernehmung, Befragung und Interview: Grundsätze für wirksame Informationsgewinnung in privatwirtschaftlichen forensischen Untersuchungen

Der BGH definierte die Vernehmung in einem Beschluss aus 1996 wie folgt:

Zum Begriff der Vernehmung im Sinne der Strafprozessordnung gehört, dass der Vernehmende der Auskunftsperson (also dem Beschuldigten, dem Zeugen oder dem Sachverständigen) in amtlicher Funktion gegenübertritt und in dieser Eigenschaft von ihr Auskunft (eine "Aussage") verlangt (Beschluss vom 13.05.1996 BGH GSSt 1/96).

Der Begriff der Vernehmung, so scheint es, ist Amtsträgern vorbehalten. Insofern wollen wir für Vernehmungen in der Privatwirtschaft den Begriff Befragung oder Interview verwenden.

Interviews von Zeugen oder tatverdächtigen Mitarbeitern gewinnen in der Privatwirtschaft an Bedeutung. Zunehmend werden auch größere (Wirtschafts-) Kriminalfälle zunächst im Unternehmen intern ausermittelt und erst bei hinreichender Klärung des Sachverhaltes eine Entscheidung gefällt, ob die Behörden eingeschaltet werden. Die Gründe hierfür sollen hier nicht näher erläutert werden. Die forensische Technik, Hardware und Software leistet wertvolle Arbeitsunterstützung zur Klärung von Verdachtsfällen doloser Handlungen.

Dennoch wird zur lückenlosen Aufklärung in letzter Konsequenz fast immer ein Mitarbeiterinterview zu führen sein. Und sei es, ein Geständnis des möglicherweise bereits überführten betroffenen Mitarbeiters zu erwirken. Zudem ergeben sich in Interviews häufig neue Erkenntnisse und Hinweise zu weiteren beteiligten Mitarbeitern, externen Personen oder weitere Tatorte, Tatobjekte und Tathandlungen. Wesentlich für den Erfolg bzw. den Informationsgewinn ist die Erfahrung des dafür eingesetzten Ermittlers.

Etwa drei Viertel seiner Zeit verbringt der Kriminalist / Ermittler mit der Befragung (Vernehmung) von Zeugen oder Tatverdächtigen. Lange Zeit wurde dies von den zuständigen Entscheidern in den Behörden aber auch in der Privatwirtschaft verkannt oder nicht registriert. Mit der Jahrtausendwende fand ein Umdenken in der Materie statt.

Bis dahin wurde die Thematik Vernehmung in den Polizeischulen häufig nur angerissen, der Auszubildende wurde einem erfahrenen „Vernehmer“ beigestellt und man hoffte – nach heutigen Erkenntnissen leider vergeblich, diverse Studien belegen diesen Irrweg – auf „learning by doing“. Trotz dieser Erkenntnisse finden die Ausbildungen in Sachen Vernehmung bis zum heutigen Tage sehr häufig theoretisch statt. Eine Ausbildung in der Beurteilung der Glaubhaftigkeit einer Aussage geschweige denn eine Kombination beider Themen findet kaum statt.

Befragungen bzw. menschliche Kommunikationen im Allgemeinen sind für die Erlangung lage- und tatrelevanter Erkenntnisse unverzichtbar. Sie dienen primär der Informationsgewinnung. Gleichermaßen von Bedeutung ist aber die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Information. Die Aussagequalität bzw. die Bestimmung dieser durch die Interviewer ist von essentieller Bedeutung zur Klärung eines Sachverhaltes. Aussagen lassen sich im Wesentlichen unterteilen in

  • Lüge
  • Täuschung
  • Irrtum
  • Wahrheit

Befragen ist Kommunikation zwischen zwei oder mehr Personen. Mit „Man kann nicht nicht kommunizieren“ hat es Paul Watzlawick in seinem ersten Axiom der menschlichen Kommunikation auf den Punkt gebracht. Selbst im Schweigen liegt eine Bedeutung, welche es zu deuten gilt. Personen legen in Vernehmungssituationen unterschiedliches Verhalten an den Tag.

Umso wichtiger ist ein breites Erfahrungsspektrum des Befragers in Kommunikations- und Fragetechniken sowie Verhaltensformen, um sich auf den zu Befragenden einzustellen. Insbesondere die Differenzierung zwischen Irrtum, Täuschung, Lüge und Wahrheit stellt für den Befrager eine Herausforderung dar. Von Bedeutung für den zukünftigen Befrager ist daher eine erlernbare und anwenderfreundliche Methode, welche gleichzeitig evaluierbar ist. Durchgesetzt im deutschsprachigen Raum als Interviewtechnik hat sich das kognitive Interview (kI, Geiselmann & Fisher) bzw. das verbesserte kognitive Interview (vkI).

Hinsichtlich der ersten Einschätzung einer Aussage auf Glaubhaftigkeit gibt es verschiedene Ansätze. Im Vordergrund steht dabei immer die Analyse der verbalen und nonverbalen Warnsignale. Grundsätzlich sollte die Befragung dabei audio-visuell aufgezeichnet werden. So kann das Gesagte (oder Nichtgesagte!) noch einmal in Ruhe analysiert und bewertet werden.

Bei einigen Methoden findet die Analyse überhaupt erst in der nachgeordneten Auswertung statt. Die nachfolgenden Erkenntnisse diverser Studien sind richtungsweisend für ein erfolgreiches Training in der Informationsgewinnung durch Interviews und der Einschätzung der Glaubhaftigkeit einer Aussage:

  • Vernehmungsergebnisse sind in 90% der Fälle relevant bei der gerichtlichen Verurteilung des Täters (Märkert & Jäger, 2002).
  • Interviewen (Vernehmen) ist erlernbar (Doppler & Krieg 2001; Berresheim & Weber, 2003).
  • Die Einschätzung der Glaubhaftigkeit einer Aussage ist erlernbar (De Turck & Miller, 1990).
  • Die Art des Trainings (Instruktion und Nachahmung) ist entscheidend für den Lernerfolg (Hermanutz & Litzcke, 2006).
  • Theoriebasierte Schulungen sind unzureichend. Polizeibeamte mit ausschließlich theoriebasierter Schulung im kognitiven Interview erzielen keine besseren Ergebnisse als Polizeibeamte ohne Schulung (Doppler & Krieg, 2001).
  • Ein messbarer Lernerfolg (bessere Aussagequalität, mehr Details) tritt ein nach einer viertägigen Schulung (Berresheim & Weber, 2003).

Mit der richtigen Lernmethode lassen sich Interview und Glaubhaftigkeitsbeurteilung erlernen, wenn sich der Lernende auf die Methode einlässt.